Und stets ein Funken Utopie - 40 Jahre IKJG

Und stets ein Funken Utopie – 40 Jahre IKJG[1]

Jochem Schirp

 

Sehr geehrte Gäste, Liebe Kolleginnen und Kollegen,

im vergangenen Jahr hat der Soziologe Andreas Reckwitz mit seinem Buch „Verluste – Ein Grundproblem der Moderne“ eine scharfsinnige Zeitdiagnose publiziert, die breit rezipiert worden ist. Er führt darin aus, dass die gegenwärtige spätmoderne Gesellschaft mit ihren multiplen Krisen an einem Punkt angekommen ist, an dem es erstmals seit Beginn der Moderne vor etwa 250 Jahren nicht mehr gelingt, Verluste, die mit dem gesellschaftlichen Fortschritt zwangsläufig einhergehen, angemessen bearbeiten oder verdrängen zu können. Die daraus erwachsenden Probleme sind so übermächtig und komplex, manche Verluste inzwischen so irreversibel geworden, dass sich ein enormer gesellschaftlicher Sprengsatz entfalten konnte. Davon profitieren die unterschiedlichen Spielarten des weltweiten Rechtspopulismus, eines – wie Reckwitz es nennt – politischen Verlustunternehmertums, welches verspricht, die alten, besseren Zustände wiederherzustellen und das die ohnehin vorhandenen gravierenden Verlustängste der Menschen geradezu weiter anfeuert. Das Vertrauen darauf, „dass die Zukunft besser sein wird, als die Gegenwart ist“, kommt der spätmodernen Gesellschaft zunehmend abhanden. Im politischen Raum sind die Folgen dieser Entwicklung dramatisch sichtbar geworden.

40 Jahre IKJG-Geschichte sind von dieser Zeitdiagnose nicht zu trennen. Die Geschichte der Sozialen Arbeit, im Besonderen der Gemeinwesenarbeit, der GWA, war immer schon eine Geschichte der Bearbeitung von Problemlagen jener unter prekären Bedingungen lebenden Menschen, die zu den strukturellen Verlierern von Modernisierungsprozessen zählten und die sich im gesellschaftlichen Abseits konzentrierten: in Obdachlosensiedlungen, Sozialen Brenn-punkten, Stadtteilen mit besonderem Entwicklungsbedarf oder Sozialen Quartieren, wie unterschiedlich und bisweilen euphemistisch man die städtischen Randlagen über die Jahrzehnte auch bezeichnete. Und wenn man über die Verlustgeschichte der Moderne und ihre Bearbeitung in der Vergangenheit spricht, darf man nicht vergessen, dass dazu immer schon gegenläufige bis widersprüchliche Strategien gehörten: Z.B. des Unsichtbarmachens und der sozialen Ausgrenzung, der Stigmatisierung und Sanktionierung auf der einen Seite oder von Sozialer Arbeit bis hin zur Therapie auf der anderen.

Soziale Arbeit und GWA als Bearbeitungsform von Modernisierungsverlusten: ein Ansatz für die Frage, wie man der IKJG-Geschichte über 40 Jahre hinweg gerecht werden kann. Man kommt nicht umhin, dabei breite Schneisen zu schlagen und sich einzelnen, vielleicht wegweisenden Momenten, Ereignissen oder Prozessen zuzuwenden, die Stoff genug bieten, um ein Gespür für das Besondere zu entwickeln, das diese Institution charakterisiert und bis heute antreibt.

Vielleicht ist es hilfreich, jene Zeit rund um die Gründung der IKJG, die 1985 erfolgte, mit dem in der Geschichtswissenschaft vielfach verwandten Begriff der „Sattelzeit“ zu skizzieren, der für einen Zeitraum steht, in dem ein tiefgreifender struktureller Wandel von statten geht. Denn so konnte man die soziale Landschaft damals wahrnehmen. Der politische Aufbruch war spürbar, die Ideen und Reformen der sozial-liberalen Regierungen in den 1970ern hatten zu gesellschaftlicher Modernisierung und Öffnung geführt. Bildung und Erziehung bekamen einen völlig neuen Stellenwert. Forderungen nach mehr Bildungsgerechtigkeit, nach weniger Gewalt in der Erziehung in Familie und öffentlichen Einrichtungen wurden lauter. In der Fachwelt verdichteten sich viele neue Impulse in der Konzeption einer alltags- und lebensweltorientierten Sozialen Arbeit, die dem Eigensinn, den Lebenspraktiken und der Beteiligung der Betroffenen ein ganz besonderes Gewicht zumaß.

1990 trat schließlich ein neues Kinder- und Jugendhilfegesetz in Kraft, das diese Debatten und den Wunsch nach grundlegender Veränderung aufgriff. Gleichzeitig stimulierte das Gesetz in der Folgezeit eine sich noch offensiver artikulierende sozialpädagogische Praxis und damit einen Modus, den nun in spezifischer Weise eine an Einmischung und Aktivierung orientierte Gemeinwesenarbeit repräsentierte.

Das Jahrzehnt zwischen 1980 und 1990 war also in mancher Hinsicht eine bewegte Zeit, auch in der Stadtpolitik. So konstituierte sich im September des Jahres 1985 erstmals in Marburg eine rot-grüne Koalition, ein Ereignis, dass sich in diesen Tagen also ebenfalls zum 40.Mal jährt.

Aber es war vor allem „Gründerzeit“ im Bereich der sozialen Arbeit in Marburg, wo u.a. mit dem „fib“ und der „Sozialen Hilfe“, mit „Arbeit und Bildung“ und der „AIDS-Hilfe“, mit dem „bsj“ und der „JUKO“ viele neue Einrichtungen entstanden. Die Gründung der IKJG fiel also in diesen Boom der 1980er Jahre. Allerdings wies die Marburger GWA damals sogar schon eine etwas längere Traditionslinie auf. Unter anderem in Folge der Auflösung der Obdachlosensiedlung am Krekel hatten sozial engagierte Bürgerinnen der Stadt gemeinsam mit studentischen Aktivisten bereits zu Beginn der 1970er Jahre zwei Vereine gegründet, die BSF und den AKSB, die konzeptionell allerdings durchaus unterschiedliche Ansätze von GWA verfolgten: die einen etwas reformistischer, die anderen etwas rebellischer; die einen näher an den Mehrheiten im Rathaus, die anderen näher an den Theorien der Erziehungswissenschaften, die aus den Uni-Türmen an der Stadtautobahn in die fachpolitische Landschaft hineinwirkten. Man pflegte seine jeweils eigenen Vorstellungen und die Beziehungen waren bisweilen etwas giftig. Ab 1985 gab es aber mit dem Newcomer IKJG eine Gemeinsamkeit, die auch aus heutiger Sicht mehr ist als nur eine historische Trivialität, denn alle drei GWA-Initiativen Marburgs wurden nun erst einmal von engagierten sozialdemokratischen Frauen geführt – Inge Habel die BSF, Mathilde Krausnick den AKSB und Gerda Krafft die IKJG.

Es ist aufgrund einer dürftigen Quellenlage etwas schwierig, den eigentlichen Gründungsakt der IKJG und die konkreten Motivlagen der Beteiligten detaillierter zu rekonstruieren. Fest steht, dass die GEW-nahe Initiative „Bipoli“, ein Träger von Lernhilfen für benachteiligte Kinder der Region, eine zentrale Rolle spielte. In dieser Initiative machten arbeitslose Lehrer, die es zu jener Zeit in Hülle und Fülle gab, aus der Not eine Tugend, indem sie sich ihren eigenen Arbeitsplatz schufen. Die neugegründete IKJG knüpfte daran an, bot drei Lehrerinnen eine feste Stelle auf Teilzeitbasis. Das Team ergänzte eine Diplompädagogin, die für Sozialberatung und Frauenarbeit zuständig war, und die die noch recht übersichtlichen IKJG-Geschäfte in einer kleinen Wohnung „In der Gemoll 17“ führte. Gruppenangebote wie die Hausaufgabenbetreuung fanden u.a. auch im Gemeindehaus der Matthäuskirche statt. Bald kam ein Stundenkontingent für die Kinder- und Jugendarbeit dazu. Dem neuen Verein standen in jener Zeit neben einer städtischen Beteiligung vor allem Mittel des Sozialministeriums und des LWV zur Verfügung. Gleichwohl: Es war eine prekäre Situation, die Finanzierung der Stellen auf Kante genäht und mit zeitbefristeten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen ergänzt. Schon 1987 stand die Existenz des Trägers grundsätzlich in Frage, denn die neue CDU-Landesregierung unter Walter Wallmann stellte die Förderung der GWA mehr oder weniger grundsätzlich in Frage. Und in den Folgejahren erschütterten auch noch interne Auseinandersetzungen zwischen Vorstand und einzelnen Mitarbeitern den Verein. In der historischen Betrachtung erscheinen die damaligen Konflikte fast exemplarisch für Häutungsprozesse in Organisationen, in denen um den fachlichen Kurs gerungen wird. Am Ende hatte sich der IKJG-Vorstand gegen eine enge schulbezogene und für eine umfassendere sozialpädagogische Ausrichtung  entschieden. Die Vision ging nun über den Ansatz der Hausaufgabenbetreuung hinaus, hin zu einem breiter ausgelegten Konzept von GWA, ohne sich aber damit vom Handlungsfeld der Schule als zentralem Ort des Aufwachens von Kinder und Jugendlichen abzuwenden.

Wie sich die weltpolitischen Ereignisse auf der Mikroebene und im Lokalen abbilden, zeigte sich im Anschluss an den Fall der Mauer 1989 und die damit im Zusammenhang stehenden Veränderungen. Die erwartete Friedensdividende zog die Schließung zahlreicher Kasernen in Westdeutschland nach sich, auch in Marburg. Das Gelände der ehemaligen Tannenbergkaserne am Stadtwald wurde Gegenstand eines Konversionsprozesses, in dem bald weitreichende Pläne für die Entstehung eines völlig neuen Quartiers ins Auge gefasst wurden, das Wohn- und Arbeitsstandort zugleich sein sollte.

Das Wohngebiet „Stadtwald“ und seine Bewohnerinnen und Bewohnern waren bereits seit 1985 ins Blickfeld der IKJG geraten. Mit Hilfe der sich als sehr fruchtbar erweisenden mobilen bewegungsorientierten Jugendarbeit und der sich verdichtenden Arbeitsbeziehungen zur Theodor-Heuß-Schule konnte die Arbeit in diesem Sozialraum Schritt für Schritt aufgebaut werden. Ab 1990 wurde ein alter, ausrangierter Stadtwerkebus für einige Zeit zum Treffpunkt der Kinder und Jugendlichen in der „Graf von Staufenberg Straße“. Vier Jahre später, 1994, stellten die Stadt und die GeWobau der IKJG unweit davon einen neuen Pavillon zur Verfügung, in dem alle Arbeitsbereiche der Einrichtung ihren – wenn auch äußerst beengten – Platz fanden. Die Wohnung „In der Gemoll“ und den „Jugendbus“ gab man zeitgleich auf. Das Aufgabenprofil erweiterte sich schnell, aber die enorme Dynamik, die den Stadtteil einige Jahre später erfassen sollte, und die neben den vielen Chancen und Perspektiven auch eine enorm wachsende Agenda für die sich nun auch „Stadtteilinitiative“ nennende IKJG entwickeln sollte – diese Dynamik war zu jenem Zeitpunkt noch nicht als Vollbild sichtbar.

Die  Krise des Wohlfahrtsstaates hingegen schon! Die gigantischen Transformationskosten in der Integration der neuen Bundesländer hatten große Haushaltsprobleme der öffentlichen Hand erzeugt. In der Folge tauchten auf einmal in den Debatten jener Zeit – wie ein Menetekel – einzelne Veröffentlichungen der Kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsvereinfachung (KGST) auf, die mit Konzepten wie „Produktsteuerung“, oder „Controlling“  eine Debatte zum „New Public Management“ auslösten.

Jürgen Habermas hatte noch kurz zuvor vor „einer allgemeinen Erschöpfung utopischer Energien“ gewarnt und nun setzte tatsächlich die Ära der Ökonomisierung des Sozialen ein. Das Beratungsgespräch mit einer alleinerziehenden Mutter, ein Spielenachmittag, eine Walderkundung mit Kindern oder der Discoabend mit Heranwachsenden sollten nun ein Produkt sein; soziale Arbeit eine Dienstleistung, in der Tätigkeit einer sozialpädagogischen Fachkraft sollte sich eine Kundenbeziehung materialisieren.

Natürlich sind solche Eingriffe in funktionierende Systeme stets problematisch, Institutionen sind schwerfällig, gelegentlich sogar widerständig und – vor allem – sie beruhen auf einer eigenen Funktionslogik. So ist die soziale Arbeit keine Ingenieurswissenschaft, die scheinbar mit dem geeigneten, wohlbemessenen Input wie auf Knopfdruck den perfekten, unauffälligen Sozialcharakter oder ein politisch gewünschtes Wahlverhalten erzeugen kann.

Es sind solche sozialtechnokratischen Steuerungsphantasien, die Niklas Luhmann mit seinen  Überlegungen zum Technologiedefizit von Erziehung und Bildung, wo es schlichtweg keinen linearen Kausalzusammenhang von Ursache und Wirkung gibt, wissenschaftstheoretisch längst zurückgewiesen hatte. Die GWA wird deshalb auch zu Recht bis heute nicht müde, ihren präventiven Ansatz zu betonen und sich dabei auf das aus der Gesundheitspolitik wohlbekannte Paradox zu beziehen, dass man die Schäden nicht sieht, die aufgrund einer klugen Präventionsstrategie ausgeblieben sind.

Zurück zum Stadtwald. Zu Beginn der 1990er Jahre bildete er ein Gemeinwesen von 750 Einwohnern, ohne Lebensmittelgeschäft, Kirche, Bürgerhaus, Gastwirtschaft, ohne ansprechende Spiel- und Bolzplätze. Die Attraktivität des Wohngebiets rund um die Graf-von-Staufenbergstraße war gering. In den nicht modernisierten Blocks der GEWOBAU herrschte damals ein Leerstand von bis zu 40%. Und auch sonst war der Stadtteil mit seiner besonderen topographischen Lage hoch auf dem Berg extrem abgegrenzt vom restlichen Teil Ockershausens, was sich z.B. in der Theodor-Heuß-Schule zeigte. Als die Schule auf eine Durchmischung der Klassen durch Kinder aller Straßenzüge setzte, stieß dies nicht bei allen Eltern aus Kern-Ockershausen auf Zustimmung.

Und nun sollten die Immobilien in der angrenzenden Kaserne möglichst schnell und gut vermarktet werden. Sie waren aber im Zusammenhang mit anderen temporären Nutzungsformen ebenfalls attraktiv, wie sich z.B. im  Frühjahr 1993 zeigte, als hier zeitweise etwa 600 Asylsuchende untergebracht wurden. Bis zu 15 unterschiedliche Nationalitäten und Kulturen prägten für einige Zeit das Straßenbild. Die Neuankömmlinge wurden auch schon damals nicht ausschließlich freundlich begrüßt. Um es vorweg zu nehmen: Größere Probleme konnten verhindert werden und es steckt viel Plausibilität darin, die Gründe dafür in einem intelligent aufeinander abgestimmten Gesamtkonzept von Politik, GWA und Sicherheitsbehörden zu sehen. Bemerkenswert war der Beitrag, den die Kinder- und Jugendarbeit der IKJG unterstützt durch den bsj mit regelmäßigen integrativen Aktivitäten auch in der Kaserne selbst in dieser Zeit leistete und dabei im Übrigen eine Kooperationspraxis mit der zuständigen Stadtteilschule erprobte, die zukunftsweisend werden sollte: nämlich mit der Organisation einer außergewöhnlichen, einwöchigen Jugendbegegnung am Edersee mit einer  Hauptschulklasse der Theodor-Heuß-Schule, deren Schülerpopulation mehrheitlich aus der an die Kaserne angrenzenden Siedlung stammte und einer Gruppe von 10 Asylbewerberkindern aus Afghanistan.

Die Erfahrungen dieser Zusammenarbeit waren für die Entwicklung des Arbeitsgebietes „Jugendhilfe-Schule“ in der Stadt Marburg grundlegend. Und auch für die Schule selbst waren sie weiterführend, weil sie zur Ausarbeitung eines anspruchsvollen Schulkonzeptes beitrugen, das der damalige Schulleiter Jochen Dietrich als „Öffnung der Schule nach innen und nach außen“ bezeichnete. Lissa Fiedler, seine Nachfolgerin, hat diese Ausrichtung fortgeführt und war parallel zu ihrer Funktion als Schulleiterin über mehr als drei Jahrzehnte im Vorstand der IKJG tätig.

Das Beispiel des Integrationsprojektes und der praktizierten Institutionen übergreifenden Zusammenarbeit ist in gewisser Weise paradigmatisch für die inhaltliche Öffnung Sozialer Arbeit in den 1990er Jahren. Sich am Alltag und den Lebenspraktiken der Bewohnerinnen und Bewohner zu orientieren und diese, wo es geht, zu beteiligen, sie zu aktivieren, das Präventive zu stärken, sich regional auszurichten. Die Arbeit am Einzelfall sollte nun substantiell erweitert und durch feldbezogene Ansätze ergänzt werden. „Sozialraumorientierung“ lautete bald das neue Zauberwort, was die sozialpädagogische Praxis mancherorts allerdings nicht davor schützte, im Rahmen von sogenannten „Sozialraumbudgets“ in den Fokus betriebswirtschaftlicher Optimierung zu geraten.

Wie weitsichtig, dass die Stadt Marburg sich schon im Jahr 2000 für einen eigenen Weg entschied und die Zusammenarbeit mit der GWA auf der Basis einer vertrauensvollen vertraglichen Partnerschaft regelte, auch um für Krisenzeiten gerüstet zu sein.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch! Erfolgreiche soziale Arbeit verträgt sich durchaus mit einer soliden Haushaltsführung, mit klugen und umsichtigen, kostenbewussten Entscheidungen. Was in gewisser Weise sogar alternativlos ist, denn wer stets knapp bemessene Haushalte zu steuern hat, dem  ist nicht nach Verschwendung zumute. 

1998 hat der Vorstand der IKJG dies unter Beweis gestellt, als der Bereich der Verwaltung von der pädagogischen Leitung getrennt und an einen externen Partner übertragen wurde. Es ging darum, Ausgaben zu begrenzen und gleichzeitig fachliche Potentiale zu entfesseln. Man kann dieser Entscheidung in ihrer Dimension nur gerecht werden, wenn man sie gleichzeitig als Zäsur für die weitere Entwicklung des Vereins in der jüngeren Vergangenheit begreift. Und ohne die Bedeutung der vielen weiteren haupt- und ehrenamtlichen Personen in der Gesamtgeschichte der IKJG geringschätzen zu wollen – in diesen gut 25 Jahren seit 1998 haben ohne Zweifel zwei Personen der IKJG ihren Stempel aufgedrückt.

Da ist zum einen Matthias Knoche, seit insgesamt nun schon fast 35 Jahren Vorsitzender des Vereins und im Hauptberuf langjähriger Prokurist, heute Geschäftsführer der GeWoBau. Er hat beides nie miteinander vermengt, aber er wusste genau, was ein gutes, preiswertes, heute auch klimafreundliches Wohnen bedeutet, was gute Nachbarschaft ausmacht, wie wichtig eine soziale Einrichtung in einem Quartier wie dem Stadtwald ist, in dem viele Indikatoren dafür sprechen, dass die hier lebenden Menschen eine verlässliche Unterstützung benötigen und dass eine kommunale Wohnungsbaugesellschaft enorme soziale Verantwortung trägt. Er hat der sozialen Arbeit in der IKJG allen Raum gelassen, ihre Professionalität zu entfalten, und nie den Fehler begangen, hauptamtliche Initiative durch eine überengagierte Kontrolle und Engführung zu ersticken. Die Pose des Aufsichtsrats ist ihm fremd. Lange Leine aber ein Gespür für den Moment, wo Unterstützung durch den Vorstand gut tut. Laufen lassen können und die Arbeit den Profis überlassen. Matthias Knoche, inzwischen 40 Jahre im Vorstand der IKJG.

Und da ist Dorothee Griehl-Elhozayel. Seit 25 Jahren ist sie nunmehr in der IKJG beschäftigt, nach einigen Jahren als Mitarbeiterin in der Stadtteilarbeit wurde sie 2006 mit der Leitung der gesamten Einrichtung beauftragt. Als charismatische Quereinsteigerin brachte sie eine stets zuversichtliche, strukturell optimistische Haltung mit, die sie bis heute nicht verloren hat; als Ethnologin mit ihrem geschulten Blick auf das Fremde eine über die Jahre nie erlahmende Neugier auf das Feld und eine Fähigkeit, sich der prallen, manchmal widerständigen, manchmal provokanten, manchmal beschädigten Lebenspraxis der vielfältigen Subkulturen des Stadtteils verstehend anzunähern, ohne dabei eine distanzierte Forscherinnenperspektive einzunehmen. Und so hat sie auch die Arbeit mit ihrem Kreis an im Laufe der Zeit immer jünger werdenden Kolleginnen und Kollegen verstanden: ihnen eine solche Perspektive auf den Stadtteil zu vermitteln, sie zu begeistern, sie mitzunehmen, sie mitzureißen.

Man kommt nicht umhin, ihre Einstellung als einen Glücksgriff für alle Beteiligten zu bezeichnen, denn die Organisation bekam eine neue Mitarbeiterin, die in Nuce das verkörpert, was man im Idealfall unter GWA als Profession verstehen könnte. Nämlich

  • den Bewohnerinnen und Bewohnern als authentischer, „ganzer“ Mensch zu begegnen, nah dran zu sein; sie in ihrer Einzigartigkeit und mit ihren Anliegen ernst zu nehmen;
  • nicht locker zu lassen, Bindung herzustellen; zu konfrontieren, wenn es nötig ist;
  • ihre Unterstützungsbedarfe zu erkennen und sie in Krisen zu begleiten;
  • offene Erfahrungsräume zur Verfügung zu stellen, die zu Bildungsanlässen werden können;
  • zu vermitteln, untereinander im Sozialraum selbst, aber auch gegenüber den Strukturen und Institutionen der Stadtgesellschaft;
  • mit der eigenen Begeisterungsfähigkeit die Menschen mitzureißen; ihnen zu helfen, ihre Potentiale selbst zu entdecken, um gemeinsam die Lebensbedingungen im Stadtteil zu gestalten.

Diese Andeutungen müssen angesichts der knappen Zeit hier ausreichen, um Bezüge zu Professionalisierungstheorien in der Kinder- und Jugendhilfe und der GWA wie jenen der stellvertretenden Krisenbewältigung, der Lebensweltorientierung oder der Hilfe zur Selbsthilfe herzustellen.

Der IKJG ist es jedenfalls in den vergangenen Jahrzehnten gelungen, Theorie und Praxis anspruchsvoll zu verzahnen und die soziale Arbeit im Stadtteil strukturell immer als Arbeit mit dem jeweiligen Einzelfall zu betrachten, dessen Besonderheiten und Einzigartigkeit herauszuarbeiten sind. Wobei dieser Ansatz nicht im klinischen Sinne auf das einzelne Subjekt zu verengen ist, sondern weit darüber hinausgehend auch die Charakteristik eines Familiensystems, eines sozialen Raums oder von Netzwerkstrukturen umfassen kann. Die Arbeit mit und am Einzelfall und der dazu erforderliche hermeneutische Zugang sind der entscheidende Prüfstein, der Lackmustest von Professionalität in der Sozialen Arbeit. Nicht immer ist man dabei erfolgreich. Aber kann das ein Argument sein, es bleiben zu lassen? Natürlich nicht! Es gilt stets von Neuem, sich daran zu versuchen. Nur so bietet sich in der Praxis der GWA die Chance, den Fallen und Verkürzungen von Standardisierungsprozessen zu entgehen, und damit dem Dilemma, die Menschen und ihre sozialen Beziehungen mehr oder weniger in Kästchen mit den entsprechend zugeordneten sozialpädagogischen Interventionen einzusortieren.

 

 

Meine Damen und Herren, Liebe Kolleginnen und Kollegen,

viele von Ihnen waren Wegbegleiter und haben beobachtet, wie der Stadtwald in den vergangenen gut 20 Jahren eine bemerkenswerte Dynamik entfaltet hat: als Wohnort, als Arbeitsort, als Bildungsort. Und wie die IKJG diese Dynamik aufgenommen und gleichsam befördert hat. Sie hat ihr Portfolio in diesem Zeitraum enorm verbreitert: als Träger von drei Gruppen in der U3-Betreuung und – in enger Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirche – eines Familienzentrums/ als Initiator und Träger des 1.Interkulturellen Gartens in Marburg, an den sich ein Abenteuergarten für Kinder anschließt/ als Träger einer ausschließlich durch den Bund und Eigenmittel geförderten Migrationsberatungsstelle/ als lokale Schnittstelle für die Aktivitäten im Rahmen der Sozialen Stadt am Stadtwald und als Träger des Quartiersmanagements/ als Motor der Bürgerinnenbeteiligung, dem Kerngeschäft von Gemeinwesenarbeit schlechthin und als Koordinatorin von Netzwerkaktivitäten, die weit über den Stadtwald hinausreichen und die unterschiedlichen Teile Ockershausens und inzwischen damit auch wieder die Gemoll integrieren/ als Zentrum für Stadtteilkultur und von Gesundheitsaktivitäten für alle Altersgruppen/ als Mitglied im „Netzwerk Heiliger Grund“. Und damit sind noch nicht jene Schwerpunkte benannt, für die die IKJG immer schon steht: die Sozialberatung, die Frühen Hilfen und die Offene Kinder- und Jugendarbeit.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der IKJG gehen raus aus dem Sozialzentrum, sie verstecken sich nicht. Sie sind im Sozialraum präsent und fragen systematisch, was den Menschen unter den Nägeln brennt, was sie brauchen, an Hilfen und Unterstützung, an Gesprächs- und Bildungsangeboten. Die IKJG ist nah an den Menschen.

Auch wenn die Zeit drängt. Drei Aspekte dieses Schnelldurchlaufs durch die Geschichte der vergangenen 20 Jahre gilt es zu vertiefen.

Da ist zum Einen die Kooperation mit dem TSV Ockershausen, ein Beispiel, wo sich en miniature alles verdichtet, was die Erfolgsgeschichte der IKJG ausmacht, die so sehr darauf beruht, dass ganz unterschiedliche Menschen zusammen finden und in der gemeinsamen sozialen Praxis einen Sinn sehen. Kirsten Fründt, die leider so jung verstorbene ehemalige 1. Vorsitzende des Vereins und spätere Landrätin des Landkreises Marburg-Biedenkopf gehörte zweifellos dazu.

Dann ist da noch die Zusammenarbeit mit dem Ortsbeirat. Blicken wir nur einfach 30 Jahre zurück. Längst ist der Stadtwald integraler Bestandteil von Ockershausen und die IKJG kein Fremdkörper mehr, der anderen die Probleme vom Halse hält. Die IKJG wirkt in den Stadtteil hinein und die vielen Vereine Ockershausens wirken in die IKJG hinein, bereichern ihr Profil. Hier hat der Ortsbeirat mit seinem Vorsitzenden Ludwig Schneider in den vergangenen Jahren einen ganz wichtigen Beitrag geleistet.     

Und zu guter Letzt: Es war im Jahr 2012, als die IKJG die Räume, in denen wir uns heute befinden, bezog. Was heißt bezog? Im eigentlichen Sinne war es eine von der Stadtpolitik und der GeWoBau stillschweigend geduldete Hausbesetzung. Der alte Pavillon in der „Graf von Stauffenberg Straße“ war längst zu klein, ein Neubau nicht in Sicht. Kurzum: Es ging ein ungewöhnlicher Umzug in diese damals nicht in Gänze genutzte Immobilie hier in der Dietrich-Bonhoeffer Straße von statten. Auch das hat sich als Glücksfall erwiesen. Diese neue Heimat der IKJG ist nun weiß Gott nicht schön, kein Palazzo Prozzo, der Wert der verwendeten Baumaterialien hält sich in Grenzen. Aber die Offenheit der Flure und die Komposition der Raumgrößen, die vorhandenen Möglichkeiten zu ihrer zeitweisen Umgestaltung und ihre unterschiedliche Nutzbarkeit für diverse Veranstaltungsformate: All dies kommt dem Arbeitsstil der IKJG entgegen. Es ist – wie die IKJG-Geschichte lehrt – nicht unbedingt die glänzende äußere Hülle, nicht die scheinbare Perfektion, sondern auch immer das Fluide, das Bewegliche, das Provisorische, welches zur Improvisation auffordern, Innovationen erzeugen und eine gefährliche Form von Institutionalisierung verhindern kann, die eher Lähmung erzeugt.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, blicken wir zurück auf das Jahr 1985. Wer hätte damals die dramatischen Veränderungen prognostizieren können, die sich in diesem historisch gesehen sehr kurzen Zeitfenster bis heute in einem atemberaubenden Tempo in den Bereichen der Technik, der Ökonomie, der nationalen Politik und der internationalen Beziehungen vollzogen haben.    

Wer hätte den digitalen Fortschritt bis hin zur KI, der das Leben von uns Allen bereichern kann, aber gerade auch in den Köpfen, den Seelen und den Körpern einer ganzen Generation von Heranwachsenden schon grundlegende Schäden hinterlassen hat, für möglich gehalten.    

Nur wenige haben den Prozess der Herausbildung des Anthropozäns, d.h. der grundlegenden Neujustierung des Verhältnisses von Natur und Kultur und der damit einhergehenden lokalen und globalen Klimakatastrophen erahnt.    

Auch wer den Aufstieg des Neoliberalismus, der mit den Namen Reagan und Thatcher verknüpft ist, in den 1980er Jahren noch miterlebt hat: Wer hätte sich vorstellen können, wie sich die Auswirkungen der Deregulierungen und Liberalisierungen der Finanzmärkte global auswirken, wie die wirtschaftliche Ungleichheit zu obszönen Formen der Spreizung zwischen Reichtum und Armut führt und in welch starkem Ausmaß auch die soziale Arbeit und die Bildung von Ökonomisierungsprozessen betroffen sind?    

Wer hätte vorhersehen können, dass mitten in Europa 40 Jahre später wieder Krieg herrscht und auf der ganzen Welt Abermillionen von Menschen auf der Flucht sind? Dies sind nur einige Blitzlichter auf die zentralen Krisenphänomene, die ich eingangs erwähnt habe, und die ein solches Übermaß an Verlusten erzeugen, dass die Welt inzwischen doch sehr in Unordnung geraten ist, auch hier im wunderschönen Hessen.

Für Andreas Reckwitz wird angesichts dessen der „Schutz des Vulnerablen zu der zentralen gesellschaftlichen Aufgabe“. Und wenn wir es auf der Mikroebene betrachten: Wer, wenn nicht die GWA wäre aufgefordert, zu diesem Schutz beizutragen? Weil sich in den Gebieten, in denen sie wie hier am Stadtwald tätig ist, doch die Probleme ablagern und verdichten, sich die Fragilität sozialer Strukturen und die Verletzlichkeit menschlicher Subjekte in besonderer Weise zeigt.

Die Kolleginnen und Kollegen in der Praxis der GWA, die dies jeden Tag irgendwie anders und jeden Tag irgendwie aufs Neue vor Herausforderungen stellt, muss es jedoch an die Arbeit des Sisyphos erinnern, das Ziel fast schon erreicht zu haben und dennoch stets wieder neu anfangen  zu müssen.

Macht alles also eigentlich gar keinen Sinn?

Manchmal mag es so scheinen, aber ist der Mensch vielleicht nicht doch mehr als die Summe seiner äußeren Lebensverhältnisse?

Und gibt uns allen die Praxis der IKJG, ich wage es kaum in den Mund zu nehmen, nicht ein wenig Hoffnung und ebenso eine Verpflichtung mit auf den Weg?

Ich bin persönlich fest davon überzeugt, dass das Arbeitsprinzip, das die Praxis der IKJG nun schon seit Anbeginn leitet, immer auch einen Funken an Utopie enthält. Einer Utopie, die darin besteht, dass es möglich ist, mit Menschen in schwierigen Lebensverhältnissen empathisch in Beziehung zu treten und mit ihnen gemeinsam daran zu arbeiten, solche gelingenden Weltbeziehungen (Hartmut Rosa) herzustellen, in denen immer wieder auch Elemente eines guten Lebens erfahrbar werden können. Dazu aber braucht es – um an die amerikanische Sozialphilosophin Martha Nussbaum anzuschließen – existenzielle körper- und lebensbezogene Grundbefähigungen. Wie Gemeinwesenarbeit dazu beitragen kann, sich diese anzueignen, das stellen die vergangenen 40 Jahre der IKJG beeindruckend unter Beweis.

Lieber Vorstand und liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der IKJG,

Zu Eurem Jubiläum gratuliere ich herzlich. Vielen Dank für Eure Arbeit. Macht unbedingt weiter so!

 

 

 

Autor

Jochem Schirp: geb. 1958; Studium der Geschichts-, Politik- und Sportwissenschaften (Abschluss Staatsexamen); 1982-1986 zunächst als Zivildienstleistender und anschließend als Sozialpädagoge beim Arbeitskreis Soziale Brennpunkte Marburg tätig; dort Entwicklung erster Ansätze zu einer Theorie und Praxis sport- und bewegungsorientierter Arbeit mit Jugendlichen; Mitgründer des bsj Marburg und Geschäftsführer des Vereins von 1986-2017

 

 

 

 

Weiterführende Literatur

Andreas Reckwitz: Verlust. Ein Grundproblem der Moderne. Suhrkamp, Berlin 2024 (eine Zusammenfassung dieser Monographie findet man in den Blättern für deutsche und internationale Politik12/2024 S.45-56 unter dem Titel: Die reparierte Moderne. Wie die Verlusterfahrung das Fortschrittsparadigma überwindet)

Armin Nassehi: Kritik der großen Geste. Anders über gesellschaftliche Transformation nachdenken. Beck, München 2024

Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie gelingender Weltbeziehungen. Suhrkamp, Berlin 2016

 

[1] Festvortrag zur Jubiläumsveranstaltung am 25.September 2025

Fachbeitrag zum Jubiläum

GWA heute: Gelingensfaktoren, Prinzipien, Potenziale

Oliver Fehren

Vermutlich ist nicht allen Menschen klar, dass die Stadt Marburg mit Ihren langjährigen und auch überregional ausstrahlenden GWA-Einrichtungen eine bundesweite GWA-Hochburg ist. Daher beglückwünsche ich nicht nur die IKJG zum 40-jährigen Jubiläum, sondern danke auch der Stadt Marburg und dem Bundesland Hessen für ihr langfristiges Eintreten für, Festhalten an und Absichern von GWA. Von den drei Stichworten aus meinem Vortragstitel „Gelingensfaktoren, Prinzipien, Potenziale“ beleuchte ich zunächst einige GWA-Prinzipien

 

  1. GWA-Prinzipien

Gestaltungsanspruch von GWA

GWA nimmt für sich in Anspruch, nicht nur nachgeordnet zu agieren, also dann, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, sondern auch an gesellschaftlichen Strukturen zu arbeiten. Wesentliches Anliegen von GWA ist die Verhinderung einer weiteren Abkoppelung marginalisierter Quartiere von der gesamtstädtischen Entwicklung: „Ziel ist die Verbesserung von materiellen (z.B. Wohnraum, Existenzsicherung), infrastrukturellen (z.B. Verkehrsanbindung, Einkaufsmöglichkeiten, Grünflächen) und immateriellen (z.B. Qualität sozialer Beziehungen, Partizipation, Kultur) Bedingungen unter maßgeblicher Einbeziehung der Betroffenen.“ (Stövesand/Stoik 2013: 21). Diese oft mühsame Suche nach handlungsbereiten, aktiven Bürger*innen nennen wir Aktivierung und das ist eine der zentralen Leistungen von GWA. Zentrale Energie für Gestaltungsprozesse in Stadtteilen liegt in den Eigeninteressen der Menschen. Diese Eigeninteressen sind oft eigensinnig, widerborstig, liegen quer zu Planungsprozessen. Aber in ihnen liegt die zentrale Power, an die es anzudocken gilt.

GWA-Prinzip: Aktivierung (statt caritativer Barmherzigkeit)

Gerade in von Armut geprägten Milieus haben Menschen häufig keinen Anlass, sich für die Gemeinwesengestaltung zu engagieren: Im Vordergrund stehen häufig existenziellere Fragen: Wie komme ich über die nächsten Tage? Wie wehre ich mich gegen die Unverschämtheiten meines Nachbarn? Wie komme ich ohne Auto mit zwei Kindern und einem Kinderwagen zum Jobcenter, zum Kindergarten und zum Wohnungseigentümer, um mich über den Schimmel in meiner Wohnung beschweren? Für die Ermöglichung von bürgergetragenen Aktivitäten in benachteiligten Milieus ist es daher von zentraler Bedeutung, dass Engagement für die Engagierten einen spürbaren Gebrauchswert hat, ihren handfesten Eigeninteressen nützt. Und das ist der Job von GWA: Die tatsächlich brennenden Themen vor Ort herauszufinden und bearbeitbar zu machen. Diese Themen reichen z.B. vom Ärger über die überhöhten Nebenkostenabrechnungen des Vermieters, dem gemeinsamen Leiden unter Kriminalität oder Vermüllung, der Stigmatisierung des Viertels, Erfahrungen der Schikanierung durch Behörden bis hin zum Interesse an günstigen Gartenparzellen, dem Wunsch nach Geselligkeit oder einer Verbesserung der Versorgung mit Kinderarztpraxen oder Kitaplätzen.  GWA versteht unter Aktivierung, genau die Themen der Menschen zu erfahren, die Handlungsbereitschaft erzeugen. GWA sucht als Dauertätigkeit Zugang zu den Energiequellen des Quartiers: Menschen und ihre brennenden Themen.  Entsprechend ist Gemeinwesenarbeit vor allem auch zugehende, aufsuchende Arbeit! Die energiebesetzten Themen und Menschen kann man kennenlernen bei Angeboten und Aktivitäten und im Stadtteilzentrum (Komm-Prinzip). GWA kann über Beratungsangebote durchaus viel Hinweise auf „heiße Themen“ im Stadtteil bekommen. Aber: Wenn man als GWA-Fachkraft selten bis gar nicht das Stadtteilzentrum verlässt, kann man nur die Themen und Ideen aufgreifen, die einem direkt vorgetragen werden, man bekommt nur die Themen der Menschen mit, die den Weg zu uns finden. Ich vergleiche das mit einem Krokodil, was mit aufgeklapptem Maul schnappbereit am Ufer liegt. Es kann nur die Fische fangen, die direkt vorbeigeschwommen kommen. Ein alleiniges setzen auf ein „Komm-Prinzip“ hat für die Beteiligung von Menschen aus prekären Lebensverhältnissen vielerlei Limitierungen. Wenn man nur auf sie wartet, werden diese eben oft nicht erreicht. Deshalb muss man sich in der GWA die heißen Themen daher immer wieder auch von der Straße und aus den Hinterhöfen holen. Wer Aktivierung gerade benachteiligter Bevölkerungsgruppen ernst meint, benötigt zwingend einen hohen Anteil an Arbeitszeit für zugehende Arbeit: Rausgehen aus den Büros, rausgehen aus den Stadtteilzentren. D.h. für GWA: Nicht oder nicht vornehmlich zuständig sein zu dürfen für die Angebotspalette im Stadtteilzentrum, nicht zu sehr gebunden zu sein durch das Aufrechterhalten von Öffnungszeiten, Beratungsangeboten, etc. Mit GWA setzt man auf spezifische Methoden zugehender Beteiligung: Hinterhofgespräche, Aktivierende Befragungen, Wochenmarktaktionen, Treppenhausmeetings und Bewohner*innenversammlungen. Gemeinwesenarbeiter*innen müssen wie ein Trüffelschwein im Stadtteil nach Schätzen wühlen. Diese Kombination aus schnappbereitem Krokodil und das Erdreich durchwühlendem Trüffelschwein gilt es hinzubekommen. Denn erst in der Kombination dieser beiden Prinzipien ergeben sich die Voraussetzungen, für ein gutes Gelegenheitsmanagement.  Mit einer in dieser Weise verstanden Aktivierung geht es der GWA also um andere Formen von Beteiligung. Ich würde selbstbewusst sagen: Mit Gemeinwesenarbeit verfügen wir über Beteiligungsmethoden, die andere nicht haben. Es gibt da kein Erkenntnisproblem. Was es aber gibt ist ein Umsetzungsproblem. Denn diese spezifische Form der Beteiligung durch zugehende Aktivierung betreiben nach meiner Einschätzung allenfalls 50% der Nachbarschaftshäuser und Stadtteilzentren in Deutschland. Warum? Zugende Arbeit wird nicht konsequent durch die Mittelgeber gefordert und erst recht nicht finanziert. Die Kolleg*innen vor Ort machen dann gute Stadtteilzentrumsarbeit, aber nicht gute GWA. Für erfolgversprechende Aktivierung ist das systematische Führen von zugehenden Einzelgesprächen mit Bürger*innen, mit lokalen Akteur*innen, unabdingbar.

GWA-Prinzip: Aktivierung von Institutionen

Als Daueraufgabe mit der Bürgeraktivierung verknüpft ist die Aktivierung der Institutionen. Denn bei der euphorisch vorgenommenen Beschwörung des engagierten, aktiven Bürgers sollte nicht übersehen werden: Den lokalen Institutionen kommt eine mindestens ebenso hohe Bedeutung für die Stabilisierung von Gemeinwesen zu. Die lokalen Schulen und Kindertageseinrichtungen, Kirchengemeinden und Moscheevereine, die örtliche Polizei und die Stadtteilbibliothek, Einzelhändler und Wohnungsbaugesellschaften, die gewählten politischen Repräsentanten und der Bereich der öffentlichen Verwaltung können erheblich zur Ressourcenlage eines Gemeinwesens beitragen und dürfen daher bei der Aktivierung zur Gestaltung des lokalen Gemeinwesens nicht ausgeklammert werden. Diese Aktivierungsarbeit von GWA in Richtung Institutionen kann sich vielfältig niederschlagen: Initiierung einer mobilen Bank nach Schließung der letzten Bankfiliale im Viertel. Mitarbeit beim Aufbau eines fehlenden ADHS-Fallmanagements mit Kitas, Jugendamt und Erziehungsberatungsstelle, Erhalt des zerbröckelnden Wochenmarkts im Quartier, Dauerbearbeitung des Wohnungsbaudezernenten für besseren Mieter*innenschutz

Es wird daher nicht gegen und ohne die Regelinstitutionen des Stadtteils gearbeitet, sondern diese immer wieder unterstützend und in die Pflicht nehmend. Erst durch das Zusammenspiel beider Aktivierungsrichtungen, Bürgeraktivierung und Institutionenaktivierung, wird die Ressourcenlage des lokalen Gemeinwesens so erhöht, dass eine Stabilisierung der Situation im Quartier erreicht werden kann.

GWA-Prinzip: vom Einzelinteresse zum kollektiven Empowerment

Eine wesentliche Bildungsleistung von GWA ist die Befähigung auch und gerade von benachteiligten Bevölkerungsgruppen gemeinsam als gestaltende Akteure zu handeln. GWA in vier Worten verdichtet meint: „kollektive Organisation individueller Interessen“. Über das gemeinsame Handeln entlang sich überlappender Einzelinteressen soll insbesondere benachteiligten Bevölkerungsgruppen eines lokalen Gemeinwesens eine machtvollere Teilhabe an der Gestaltung von lokalen Lebensbedingungen ermöglicht werden. In der GWA setzen wir weniger auf individuelles, sondern auf kollektives Empowerment: Die kollektiven Formen des Empowerments sind von Bedeutung, weil die Menschen als Einzelne wenig an den Ursachen ihrer Marginalisierung ändern können. Erst durch Zusammenschlüsse entsteht Power. Erst durch die “Macht der Vielen“ entsteht die Augenhöhe, die es braucht, um häufig in konfliktbehafteten Prozessen Verbesserungen der Lebensbedingungen erkämpfen zu können. Es geht darum, Menschen zu befähigen, ihre Stimme zu erheben, ihre Interessen zu artikulieren.

GWA-Prinzip: Parteilichkeit für marginalisierte Interessen

Aufgabe der GWA in dem Konzert der vielen relevanten Akteure bei der Stabilisierung von Stadtteilen ist es, dazu beizutragen, dass die soziale Dimension in der Stadtteilentwicklung ein stärkeres Gewicht erhält.  Mit Bewohnerversammlungen, Aktivierenden Befragungen, Wochenmarktaktionen oder Küchentischmeetings kann GWA das Feld offen halten für unerwartete und nicht nur am aktuellen Leitbild der Stadtentwicklung orientierte Forderungen der Menschen: Wer hat die Definitionsmacht, um im Stadtteil zu sagen: Das ist ein Problem? Hat die Verkehrsanbindung Priorität- wie die Einzelhändler meinen? Oder wäre eine Verkehrsberuhigung eher sinnvoll, wie die Rollatoren schiebende Fraktion der Alten und die Eltern kleiner Kinder meinen? GWA hält also das Feld offen für die weniger durchsetzungsmächtigen Bevölkerungsgruppen und Stadtteile. Es ist wichtig, das kommunale Politik und Verwaltung diesen Aspekt des „das Feld offen Haltens“ durch GWA verstehen. Dafür braucht es für die GWA Beinfreiheit und natürlich Vertrauen, das fortwährend hergestellt werden muss.

GWA-Prinzip: Nichts tun, was die Leute selbst tun können. Netzwerktechnik im Hintergrund

Eine Konsequenz der hohen Bedeutung von Aktivierung ist, dass GWA nichts tut, was die Leute selber können und alles tut, damit sie es selber können.  Diese Handlungsmaxime ist für die finanzielle Förderung der Gemeinwesenarbeit vor Ort allerdings häufig von Nachteil, denn die Leistungen von Gemeinwesenarbeit tauchen bei den Berichterstattungen über Erfolge im Stadtteil häufig nicht auf. Wenn z.B. eine Bürger*innengruppe es geschafft hat, dass eine Wohnungsbaugesellschaft endlich Mietergärten zulässt, dann ist das der Erfolg der Bürger*innengruppe. Das daran auch ein/e Gemeinwesenarbeiter*in beteiligt gewesen ist, die diese Gruppe begleitet hat, darf bei der Berichterstattung in der Presse nicht erscheinen, da dies den Leuten ihren Erfolg nehmen würde. Die kommunale Politik sieht aber zumeist nur diejenigen, die im Vordergrund stehen, was für die finanzielle Förderung von Gemeinwesenarbeit nicht unbedingt förderlich ist.

Das lässt sich illustrieren, mit der Räuberleiter-Analogie (Hinte): Ein guter Gemeinwesenarbeiter ist – bildlich gesprochen –jemand, der eine „Räuberleiter“ macht, damit der oder die anderen eine Mauer überwinden können. Während derjenige, der über die Mauer schaut, der Held ist, wird der Anteil desjenigen, der unten steht und ohne den das Ganze nicht funktioniert hätte, zumeist nicht gewürdigt. Gemeinwesenarbeit steht also immer in zweiter oder dritter Linie. Doch gute und aufgeklärte Politik, finanziert genau diese jahrelange Tätigkeit als Netzwerktechnik im Hintergrund und nicht nur einzelne nach gut sichtbare, nach außen strahlende Projekte. GWA selbst muss sicherlich hinsichtlich der Kommunikation ihrer Räuberleiter-Funktion sichtbarer, verstehbarer und nachvollziehbarer werden, damit sie innerhalb der Träger, vor allem aber auch aber auch in Politik und Gesellschaft mehr Rückhalt bekommen kann. Umso bemerkenswerter, ist es, dass hier in Marburg heute 40 Jahre GWA gefeiert werden können, weil Kommune und Land hier diese oft eher im Hintergrund stattfindende Arbeit weitgehend solide und langfristig stützen.

 

  1. Potenziale

Demokratie erfahrbar machen und dazu befähigen

Wir erleben eine rasante Krise der Demokratie. Das von der kritischen Theorie und von 1968 ausgehende Projekt der Demokratisierung der Gesellschaft und der Demokratisierung der Institutionen scheint jetzt nach über 50 Jahren vorbei. Das Pendel schlägt in Richtung autoritärer, nationalistischer, antifeministischer Tendenzen. Diese Tendenzen stellen nicht mehr ein Extrem dar, sondern sind das neue Normal. GWA kann, davon bin ich überzeugt, immer noch demokratisches Aushandeln durch Ermöglichung von Nähe erfahrbar machen. Aber das geschieht in einer Zeit in der Demokratie massiv in Frage steht. D.h. wir müssen als GWA Umgang mit Autoritarismus und mit antizivilgesellschaftlichen Tendenzen finden. Das erfordert u.a. eine Abgrenzung zum weiterhin vorherrschenden Extremismus-Modell, das auch für die Soziale Arbeit lange Zeit die analytische Referenz war. Der Begriff „Rechtsextremismus“ ist deshalb missverständlich, da er fälschlich suggeriert, dass rechtsextreme Einstellungen nur von einer randständigen Gruppe der Gesellschaft geteilt werden (Klischee des “Stiefelnazis”). Diese Vorstellung aber verlagert das Problem aus dem inneren Gefüge der Demokratie heraus und externalisiert Rechtsextremismus als Gefahr von außen. Erst mit einer Abkehr vom Extremismus-Modell können autoritäre Dynamiken und normalisierte Ungleichheitsvorstellungen verstanden und analysiert werden als in und aus der Mitte der Gesellschaft entstehende Vorstellungen und Denkmuster. Die alltäglichen Praxen der Diskriminierung und Ausschließung, die durch normalisierte Ungleichheitsvorstellungen hervorgerufen werden, können nicht ausschließlich als extrem rechte Vorfälle in den Blick genommen werden. Dies können auch wechselnde „Ankerthemen“ sein (wie Maßnahmen in der Corona-Pandemie, über Geflüchteten-Unterkünfte und Arbeitslosigkeit bis hin zum Klimaschutz), die nicht nur in Milieus mit gefestigten extrem rechten Einstellungen ideologisch aufgeladen verhandelt werden. Es geht darum, Aushandlungsmodelle und Beteiligungsformen als Experimentierfelder für eine lokale Demokratie zu erproben und zu etablieren, die Konflikte nicht wegdrücken oder kaschieren, sondern produktiv machen. Diesbezüglich sind gerade die Gemeinwesenarbeiter*innen als Experten*innen zu verstehen

Klimawandel: Betroffenheiten und Perspektiven marginalisierter Milieus

Vor dem Hintergrund der massiven Erderwärmung gilt es fraglos, das Leitbild der autogerechten Stadt als zentrales städtebauliches Leitbild der letzten 70 Jahre zu hinterfragen. Um andere Leitbilder der Stadtentwicklung zu stärken, zum Beispiel das Leitbild der nachhaltigen Stadt oder das Leitbild der Sozialen Stadt, müssen wir aber hier die Betroffenheiten und Perspektiven marginalisierter Milieus besonders im Auge haben. Der Reflex der vorwiegend bürgerlichen urbanen Milieus, sich für autofreie Städte oder autofreie Stadtzentren einzusetzen, bezieht dabei nach meiner Beobachtung die einkommensschwächeren Personen und Haushalte zu wenig ein. Wir wissen z.B., dass unsere Gesellschaft den niedrigen Einkommensgruppen die längsten Pendlerstrecken auferlegt. Da bekommt der schlichte Appell: „Fahr doch mehr Fahrrad“ dann schnell zynischen Charakter.  Stattdessen könnten wir mit Menschen in benachteiligten Stadtteilen, die häufig in schlecht isolierten Bauten der 50er-70er Jahre leben, z.B. zu Fragen ihres Wohnungsklimas und Balkonklimas ins Gespräch kommen:  Wie gut durch die Hitze kommen? Wie kühlen Kopf bewahren?

StOP-Projekt Stadtteile ohne Partnergewalt

Ein sehr stark auf Gemeinwesenarbeit zurückgreifendes Erfolgsprojekt der letzten Jahre in Deutschland und Österreich ist das Projekt StOP: Stadtteile ohne Partnergewalt. Entlang der Devise, dass Gewalt gegen Frauen weniger etwas aussagt über die Qualität einer Beziehung als über die Qualität eines Gemeinwesens, wird mit dem Projekt StoP nicht appelliert an individuelle Zivilcourage. Vielmehr sagen ganze Stadtteile angesichts der hohen Zahl an Femiziden und häuslicher Gewalt: so kann es nicht bleiben und das ist unsere gemeinsame Verantwortung: https://stop-partnergewalt.org/

 

III. Gelingensfaktoren:

Qualitätsmaßstäbe

Als Qualitätskriterium für die Bewertung der Gemeinwesenarbeit sollte viel stärker die zugehende Arbeit in den Fokus gestellt werden: Mit wem sind die GWA’ler*innen in Kontakt? Mit wem führen sie Gespräche? Es sollte eher die Breite der aktivierten Netzwerke bewertet werden, und weniger die Frage, ob von morgens bis abends im Stadtteilzentrum tolle Angebote laufen: Geh-Struktur statt Komm-Struktur. Kennen die GWA’ler Menschen, die kurzfristig 10 Leute mitbringen können, wenn es um eine öffentlichkeitswirksame Aktion geht? Haben Sie belastbare Drähte zu den Stadtverordneten des Stadtteils. Haben Sie Zugang zu Entscheider*innen der lokalen Wohnungsgesellschaft? Wie gut gelingt es ihnen verschiedene Milieus im Quartier zu erreichen und in lokale Gestaltungsprozesse einzubinden?

Zusammenspiel Kommune-Freier Träger:

Gemeinwesenarbeit schafft Raum für Themen, die z.T. nicht auf der offiziellen Agenda der Kommunalpolitik stehen. Es geht um sogenannte „schwache“ Interessen, um Menschen, die nicht so geübt sind im Agenda-Setting. Kommunen sind gut beraten, freie Träger für diese Aufgabe zu engagieren, wie das in Marburg ja auch der Fall ist. Denn erst die subsidiäre Leistungserbringung erlaubt die für GWA notwendige Beinfreiheit. Gleichzeitig, und das ist mir wichtig festzuhalten, sollten Kommunen aber die Entwicklung der Stadtteile nicht vollständig an freie Träger der GWA delegieren. Der Erfolg von Gemeinwesenarbeit hängt maßgeblich ab vom Engagement der kommunalen Politik und Verwaltung in Bezug auf marginalisierte Stadtteile. GWA ist als „Einzelkämpferin“ relativ wirkungslos, entfaltet ihre Potenziale vor allem als ein Element einer gesamtstädtischen Strategie.

Wie steuert man als Kommune Gemeinwesenarbeit? Ich wünsche mir, dass wir mehr Beispiele öffentlich gemacht werden für eine solide organisationale Verankerung von GWA in der Verwaltung, also eine klar geregelte Steuerung und Verantwortungsteilung von Kommune und GWA. Insgesamt brauchen wir noch viel mehr Austausch, Information und Vergleich der jeweiligen Arrangements für GWA vor Ort: Finanzierung, Steuerung, Wahrung von Handlungsspielräumen, Qualitätsmessung, Klärung von Verantwortlichkeiten.

Nicht im Lokalen stecken bleiben

Wir müssen uns gegen eine übertriebene Stadtteilfixierung imprägnieren, um uns vorm Hineintappen in einen ökologischen Fehlschluss zu bewahren: Bewohner*innen sind nicht für die Strukturdefizite eines Stadtteils verantwortlich! Die Verantwortung für Lösungen der in bestimmten Teilräumen einer Stadt besonders sichtbar werdenden Probleme darf nicht den jeweiligen Stadtteilen und ihren Bewohner*innen zugewiesen werden. Quartierentwicklung kann und soll im Lokalen anfangen, aber dann (je nach Thema) die überlokale Ebene (Bezirk, Land) einbeziehen. D.h. für GWA: Im Lokalen beginnen, aber nicht im Lokalen steckenbleiben! Die Stabilisierung benachteiligter Quartiere ist eine gesamtstädtische Aufgabe!

Regelfinanzierung

Die Stabilisierung von benachteiligten Quartieren ist nicht mit auf einige Jahre befristeten Programmen erledigt. Bei benachteiligten Stadtteilen muss man sich von der Vorstellung verabschieden, es handele es sich um Gefangene oder Patienten, die nach wenigen Jahren Behandlung therapiert oder geheilt wieder entlassen werden können. Innerhalb solch kurzer Zeiträume Zeit ist nach meiner Erfahrung keine Stabilisierung von Stadtteilen im Sinne einer Verstetigung der Selbstheilungskräfte zu erreichen. GWA braucht eine dauerfinanzierte, personengestützte Infrastruktur, die die von mir vorhin beschriebenen Formen der Aktivierung von Menschen und Institutionen stetig fördert und dabei insbesondere die Interessen jener Menschen in den Vordergrund rückt, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Was GWA braucht, sind regelhaft geförderte Strukturen, die unabhängig von Zielgruppenkonjunkturen immer wieder einen guten Boden, einen Humus dafür schafften, dass Aktivitäten im Quartier gedeihen können. Das ist das was Marburg und das Land Hessen mit der vorliegenden vergleichsweise soliden GWA Finanzierung tun, wie nur wenige andere Bundesländer oder Städte in Deutschland. Herzlichen Glückwunsch!

 

Unsere Entwicklung

Unsere Entwicklung

Die Initiative für Kinder-, Jugend- und Gemeinwesenarbeit wurde 1985 in Marburg gegründet. Ihr Bestreben war die Verbesserung der Lebenssituation in einem Straßenzug „In der Gemoll“ in Marburg-Ockershausen. Begonnen wurde in den ersten Jahren zunächst mit einer Hausaufgaben- und einer Frauengruppe.
Anfang der Neunziger Jahre löste die Bundeswehr den nahegelegenen Kasernenstandort „Tannenberg“ auf. Mit dem Wegzug vieler Bundeswehrangehöriger und dem Zuzug neuer Familien veränderte sich das Konversionsgebiet grundlegend.

Am Stadtwald leben sehr viele Menschen, die auf eine oder mehrere Arten wirtschaftlich und gesellschaftlich benachteiligt sind: kinderreiche und Ein-Eltern-Familien, hoher Anteil an Menschen, die auf Hilfe zum Lebensunterhalt zurückgreifen müssen. Die Fluktuation ist überdurchschnittlich hoch. Kontakte entstehen nur zögerlich und gewachsene Netzwerke existieren nur sehr bedingt.

Um der Bewohnerschaft des neu entstehenden Quartiers Unterstützungsleistungen anbieten zu können, weitete die IKJG e.V. ihren Aktionsradius auf den ehemaligen „Tannenberg“ aus. Mittlerweile wurde der „Tannenberg“ offiziell zum Stadtteil „Stadtwald“ umbenannt. Die Entwicklung des neuen Wohngebietes „Stadtwald“ (bestehend aus Graf-von-Stauffenberg-Straße und dem Gebiet der ehemaligen Tannenbergkaserne) stellte auch die IKJG vor neue Herausforderungen. Sie konzentrierte sich in ihrer Arbeit daher auf den gesamten Stadtwald und gab 1999 ihren Standort „In der Gemoll“ in „Alt-Ockershausen“ auf.

Der „Jugendbus“ in der Graf-von-Stauffenbergstraße war der erste Anlaufpunkt im neu besiedelten Quartier. Bald darauf konnte ein neues Gebäude bezogen werden, der sogenannte „Pavillon“ in der Graf-von-Stauffenberg-Straße 22a.

Die weitere Erschließung des Quartiers und die Neuansiedlung von Familien zog einen erhöhten Bedarf an Beratung und Begleitung der Bewohner*innen nach sich. Eine räumliche Ausweitung war dringend geboten. Die IKJG versuchte über Interimsnutzungen, den bestehenden Leerstand für ihre Angebote zu nutzen. So konnte sie ab 2003 die Jugendarbeit in das obere Stadtteilgebiet verlagern. Hier gestalteten die Jugendlichen zwei Räume als Treffpunkt und Multifunktionsraum mit Tanz-, Theater und HipHop Angeboten, die auch von externen Partnern genutzt werden.

Seit 2003 ermöglichten überregionale Projektmittel die Erschließung von Ausgleichsflächen. Über die Initiative von zugewanderten Familien, die vor Ort gemeinsam gärtnern wollten, entstand der Interkulturelle Garten, der seitdem alljährlich von durchschnittlich 20 Familien genutzt wird, deren Gemeinschaft wirkte als Motor für viele nachfolgende Errungenschaften. Die überbordende Freude am „Arbeiten in der Natur“ seitens der benachbarten Kinder überforderte die Begleitung durch die Gärtner auf der Pachtfläche, sodass für ein erweitertes Pachtgebiet gerungen wurde. Der wohnortnahe Naturerfahrungsraum, der „Abenteuergarten“, entstand. Und schließlich auch ein Backhaus auf dieser Fläche. Diese Räume sind „offene Treffpunkte“ der Familien geworden und werden auch außerhalb der IKJG-Angebote genutzt.

Aufgrund der Gartenaktivitäten und deren Akteure, den neu enstehenden  Streuobstwiesen und Lehrpfaden, der Idee von Baum-Patenschaften und gemeinschaftlich bewirteten Hochbeeten,  wurde die Notwendigkeit den Heiligen Grund als Kultur- und Erholungsfläche zu erhalten, ökologische Diversität zu intensivieren sowie Lösungsansätze für Beschäftigungen in diesem Bereich zu erproben, immer lauter. Während zuvor die Stadtteilarbeit der IKJG versuchte die Akteure hier zu bündeln, ging sie 2019 selbst eine Kooperation mit dem Schäfer, dem Verein Streuobstfreunde und dem Jobcenter ein. Aktuell wird hier immer noch eine tragfähige nachhaltige Struktur gesucht, die wie heute einerseits Beschäftigungsmöglichkeiten, Lern- und Erholungsorte schafft sowie aktuell im Netzwerk nach ökologischen Lösungen strebt, diese einmalige Landschaft zu erhalten.
Über die Kooperation zu anderen Partnern in Ockershausen versuchte die IKJG vermehrt Angebote in den Stadtwald zu holen und brückenbauende Strukturen zwischen dem „alten Ortsteil“ Ockershausen und dem jungen „Siedlungsgebiet“ Stadtwald aufzubauen.

Mit dem zunehmenden Bedarf an Begleitung und Beratung junger Familien erweiterte die IKJG ihr Angebot 2006 im Bereich der sogenannten „Frühen Hilfen“: Bedarfsorientierte Beratungsleistungen über Familienhebammen, niedrigschwellige Bildungsangebote sowie offene Treffen für junge Familien unterstützten die bisherige Arbeit mit jungen Familien und ermutigten diese, sich für ein erweitertes Angebot einzusetzen. Eine enge Kooperation mit dem entstehenden Krippenangebot gestaltete die Zusammenarbeit mit den Akteuren, Eltern, Kindern und Professionellen vor Ort. Dazu wurden Räumlichkeiten erschlossen, in denen Elterncafés, ergotherapeutische wie logopädische Angebote oder auch Tauschbörsen und Gruppentreffen in Eigeninitiative stattfanden und -finden.

Das wachsende Interesse der Bewohnerschaft besonders im kreativen- und handwerklichen Bereich aktiv zu werden, konnte von der IKJG ab 2006 unterstützt werden. Zunächst mit dem Ausbau eines Anhängers zum „Mobilen Werkstattwagen“ mit verschiedensten mobilen Einsätzen im Wohngebiet. Seit 2011 mit dem Projekt „Offene Werkstatt“, das durch eine freigewordene Werkstatt in Kooperation mit dem ehemaligen außerbetrieblichen Ausbildungsverein StEBB ermöglicht wurde. Bis 2022 mussten Räume daraufhin immer wieder neu gefunden werden, denn das Interesse blieb und es entwickelten sich verschiedenste Initiativen. Das Angebot verbindet erneut Bewohner*innen aus dem unteren Stadtteilgebiet und über die Stadtteilgrenzen hinaus, die sich fachlich austauschen bis zu verbindenden Aktionen von „Herbst- und Weihnachtsmärkten“ reichen. Die IKJG unterstützt und begleitet diesen Bedarf durch Öffnung von Räumen und Verbindung schaffende Kontakte, so können aktuell selbstorganisierte Gruppen wachsen.

Seit 2006 besteht eine enge Kooperation mit dem TSV-Ockershausen, der als „Stützpunktverein“ von der Sportjugend Hessen gefördert wurde. Diese Partnerschaft in Sport und Freizeit ermöglichte der IKJG Angebote im Quartier sowie in vereinseigenen Räumlichkeiten des TSV gemeinsam anzubieten. Vieles davon hat sich mittlerweile verselbstständigt, wie die Parkourgruppe u.a., die mit anderen Jugendlichen im oberen Stadtteil eine Parkouraußenfläche aufbauten.

Das Beratungsangebot wurde ab 2006 sukzessive ausgebaut. Neben der allgemeinen Sozialberatung bietet die IKJG für das Quartier Ockershausen auch Schuldnerberatung an, die bislang über den Landkreis gefördert wird und durch eine Förderung für Sozial- und Schuldnerberatung durch die Stadt Marburg ab 2023 aufgestockt wurde.
Weiterhin wurde über die Akquise von Bundesmittel seit 2006 Migrationsberatung für erwachsene Zugewanderte (MBE) für die Gesamtstadt möglich, die über die IKJG nun schon langjährig etabliert ist. Erziehungsberatung kann seit 2013 über ein Netzwerk bedarfsgerecht ambulant vor Ort abgerufen werden und wird durch das IKJG Team systemischer Berater*innen professionell in Bezug auf Elternberatung ergänzt.

In 2008 wurde die bereits über 20 Jahre währende Kooperation im Bereich Jugendhilfe-Schule mit der ehemaligen Theodor-Heuss-Schule, der jetzigen Sophie-von-Brabant-Schule in den Rahmen des städtischen Programms „Sozialpädagogisches Handeln an Schule“ überführt. Hier sollten die im Quartier vorhandenen Kompetenzen und Ressourcen genutzt werden, um die Bildungs- und Erziehungsarbeit an Schule weitergehend zu unterstützen. Damit stellte die IKJG von 2008-2021 den Sozialpädagogen an der örtlichen Grund- und Mittelschule Sophie-von-Brabant.

Im Bereich der „Hilfen zur Erziehung“ leistete die IKJG seit den 90er Jahren „Soziale Gruppenarbeit“. Ab 2010 konnte dieses Angebot mit Einzelfallhilfen für Kinder und Jugendliche in Krisensituationen erweitert werden. Im Gegensatz zur „Soziale Gruppenarbeit“, die 2021 aufgegeben werden musste und nur noch an Schulen aufrechterhalten wurde, können die „Betreuungshelfermaßnahmen“ weiterhin bedarfsgerecht geleistet werden.

Mit dem Start des Soziale Stadt Programms im Dezember 2014 und dem Wegzug des Ausbildungsvereins boten sich für die Gemeinwesenarbeit weitere Perspektiven und Räume. Der Pavillon konnte aufgegeben werden und alle anderen Interimsnutzungen von Räumen im Quartier. Ein Umzug in das freiwerdende Werkstattgebäude in der Dietrich-Bonhoeffer-Straße 16 wurde „über Nacht“ möglich und damit im Folgenden auch die Bündelung von Angeboten der IKJG unter einem Dach.
Doch darüber hinaus eröffnete sich dem Stadtteil auch die Perspektive für ein Stadtteilzentrum, dass Allen offensteht. Gemeinsam mit der Bewohnerschaft wurden monatelang Räume saniert, großzügig gestaltet und unterschiedlichen Funktionen zugeordnet. Im Laufe der Jahre fanden sich hier weitere Partner ein. Mittlerweile ist es ein Haus, dass Werkstätten und Lehrräume für den Qualifizierungsträger Praxis GmbH und die BvA-Schule bietet, für Musikbands Proberäume und geteilte Räume in Mischnutzungen für selbstorganisierte und Vereinsgruppen neben den Beratungs- und Büroräumen für die IKJG. Eine sog. Nutzer*innenkonferenz managt und verwaltet einen wachsenden Teil der öffentlichen Räume.

Zeitgleich mit dem nun lautenden Programm Sozialer Zusammenhalt (ehem. Soziale Stadt) wurde der IKJG das Quartiersmanagement zugeordnet. Das integrierte Stadtteilentwicklungkonzept (ISEK) für den Zeitraum 2014-2024 war handlungsleitend und wird im Folgenden gemeinsam mit allen Akteuren Ockershausens unter Verwaltung des Stadtplanungsamtes und des Jugendamtes gemeinsam mit dem Quartiersmanagement weiter ausgeführt. Begleitprogramme wie JustiQ, BiWAQ und das GWA-Landesprojekt ermöglichten der IKJG in verschiedenen Bereichen aktiv zu werden. Der Bereich der Stadtteilarbeit konnte sich somit verstetigen, wenn auch immer noch projektorientiert.

Ein größeres Projekt im oben genannten Rahmen war der Aufbau eines sog. Familienzentrums, wenn auch zunächst unter dem Dach des sich entwickelnden Stadtteilzentrums:
2010 öffnete die IKJG die Krippe „Stadtwaldwichtel“ mit ihren ersten zehn Betreuungsplätzen. Diese wurde im Gebäude der Freien Schule untergebracht. Die zweite Krippeneröffnung mit weiteren 10 Plätzen fand im August 2013 statt und wurde neben der ev. Kita Graf-von-Stauffenbergstraße verortet. Eine jahrzehntelang erprobte, immer wieder neu belebte Kooperation mit den Betreuungs- und Bildungseinrichtungen im Quartier ermöglichte schließlich ab 2017 die Gestaltung einer Gewerbefläche im oberen Stadtteil mit einem Neubau für ein Familienzentrum 2023 unter dessen Dach die Krippe der IKJG mit der ev. Kita ein gemeinsames Angebot gestalten. In direkter Nachbarschaft erweiterte der Verein für heilende Erziehung ihr räumliches Angebot mit dem Bau einer inklusiven Grundschule. Und gemeinsam mit den Nachbarn Freie Schule und Bettina-von-Arnim-Schule und deren Kitaangebot verstehen sich nun alle Partner als Bildungs- und Betreuungszentrum im Quartier, dass es aktuell gilt konzeptionell in einer lebendigen Kooperation zu gestalten.

Mit einer erneuten Förderung im Rahmen des Programms sozialer Zusammenhalt und in Kooperation mit dem Sozialamt, den Akteuren vor Ort in Bezug auf die älter werdende Bewohnerschaft in Ockershausen, hat sich die IKJG seit 2021 verstärkt dem Auftrag zugeordnet, eine verbesserte Versorgungssicherheit und Gesundheitsförderung im Stadtteil einzuleiten. Durch die von Bewohner*innen initiierte Alltagsunterstützung in der Nachbarschaft konnte ein professionell verwaltetes Dienstleistungsangebot geschaffen werden, die Stadtteilhummeln. In Zusammenarbeit mit Betrieben, Ausbildungsstätten und Initiativen aus der Bewohnerschaft machen wir uns gemeinsam auf den Weg sozialräumliche Strukturen aufzubauen, die die Versorgungssicherheit für Pflegebedürftige wie Entlastung für Angehörige verbessern soll.

Aktuell steht der Stadtteil vor der Herausforderung einer stark prägenden Veränderung: dem möglichen Ausbau des „Hasenkopfes“ in den nächsten 5 Jahren, der Erweiterung des Stadtteils um insgesamt 350 Wohneinheiten. Die IKJG sieht ihre Aufgabe darin, möglichst sozialverträgliche, zukunftsweisende und innovative Ansätze gemeinsam mit den Bewohner*innen zu suchen und realisierungsfähig zu kommunizieren. Das bedeutet, den weiteren Stadtteilentwicklungsprozess mit dem Ziel zu begleiten, einen lebenswerten und attraktiven Stadtteil zu gestalten, indem jede/r gut älter werden kann.